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Bundeslager "Jurtown" 2002 - Die Zweite

"Jurtown" ist die neue Hauptstadt Europas

Pfadfinderinnen und Pfadfinder bauen in Bayern eine riesige Zeltstadt - Über 70 Jugendliche aus Frankenthal dabei

Von Sascha Schneck

Warum sich eigentlich nicht mal seine eigene Stadt aufbauen, mit allem, was dazu gehört? Geht nicht? - Gibt's nicht! Genau diese außergewöhnliche Erfahrung durften die 14-jährige Gerolsheimerin Janine Stephan und die Geschwister Annemarie und Matthias Steeg, 14 und 15 Jahre, aus Eppstein machen. Mit ihrem 41-köpfigen Frankenthaler Pfadfinderstamm John F. Kennedy (JFK) gingen sie auf große Fahrt nach "Jurtown" bei Rehau in der Nähe der fränkischen Stadt Bayreuth. Auch 31 Pfadfinderinnen und Pfadfinder des Frankenthaler Stammes Martin Luther King waren mit von der Partie.

"Jurtown", das waren Name und Motto des sechsten Bundeslagers des Verbandes Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder (VCP), der sich aus "Jurte", dem gebräuchlichen Zelttyp der Pfadfinder, und dem englischen Wort für Stadt zusammensetzt. Schirmherr dieses Ereignisses war Bundespräsident Johannes Rau. 4100 Pfadfinderinnen und Pfadfinder im Alter von 10 bis 18 Jahren aus dem gesamten Bundesgebiet sowie viele ausländische Gäste, zum Beispiel aus Finnland, Israel oder Thailand, bauten zusammen eine Zeltstadt mit neun Stadtteilen und einer kompletten Infrastruktur auf. Dem eigentlichen Bau der "Stadt" seien drei Jahre Planung vorausgegangen, sagt JFK-Stammesgeschäftsführer Konrad Erb. "Eine Woche vor dem offiziellen Beginn des Lagers mussten um die 300 Helfer den Grundstein der Infrastruktur legen, wie den Bau von Wasserleitungen und Straßen", so Erb im Gespräch mit XXpress. Den Rest der Zeltstadt hätten die Teilnehmer innerhalb von ein bis zwei Tagen selbst erstellt.

Foto: Stamm John F. Kennedy

Die Blumen, die Janine Stephan und Marius Schiffer hier aus den Kisten holen, wurden zur Eröffnung des Teillagers Rodebrook in der Form eines Herzens in die Erde gepflanzt.

- FOTO: PFADFINDER
 

Von einem Lagerkrankenhaus über eine Kirche bis hin zu einem Parlament, in dem die Jugendlichen ihren Interessen Gehör verschaffen konnten, gab es in "Jurtown" alles, was zu einem gewöhnlichen Stadtleben dazu gehört. Das Unterhaltungsangebot war dann sogar noch etwas reichhaltiger und außergewöhnlicher. "Wir hatten sogar ein Eros-Center, in dem sich die Lagerbewohner mittels Briefen kennen lernen konnten", sagt Janine Stephan und lächelt bei der Erinnerung.

Überhaupt stand der Spaß trotz aller Verantwortung, die jeder Lagerteilnehmer für die Gestaltung des Stadtlebens übernahm, im Vordergrund. Neben den allmorgendlichen Wasserschlachten am Waschzelt "wurden jeden Tag Workshops angeboten, wie Bogenschießen, Drachenbau oder Tanzkurs, die 'ne Menge Spaß machten", sagt Annemarie Steeg. "Und unser Stadtteil Rodebrook hat das Jurtown-Fußballturnier gewonnen", ergänzt ihr Bruder Matthias stolz. Um den berühmt-berüchtigten Lagerkoller zu vermeiden, wurden Tagesausflüge ins Umland angeboten, beispielsweise in ein Silberbergwerk oder ein Automuseum, in denen es viel zu entdecken gab.

Höhepunkt des ganzen Spektakels, und da waren sich Janine, Annemarie und Matthias einig, war definitiv das Stadtfest, das hunderte von auswärtigen Besuchern anlockte. Dabei mussten sich alle neun Stadtteile mit Beiträgen für das Unterhaltungsprogramm beteiligen. Sogar ein Marathon-Lauf sei organisiert worden, so Janine.

Und nachdem sich die 4100 Teilnehmer sogar auf einem Bild, mit bunten Kopftüchern ausgerüstet, zum Namenszug ihrer Stadt "Jurtown" formierten, war es nicht verwunderlich, dass bei so viel Engagement, Spaß und Begeisterung "Jurtown" von einer unabhängigen Jury, darunter der bayerische Regionalbischof Wilfried Beyhl und die Pressesprecherin der Arbeitsgemeinschaft Evangelische Jugend, Friederike Rosengarten, zur Hauptstadt Europas gekürt wurde. Dabei erfüllten die Bürgerinnen und Bürger der Zeltstadt die vorgegebenen Kriterien der Toleranz, Flexibilität und der ökologischen Nachhaltigkeit.

Janine, Annemarie und Matthias sind jedenfalls glücklich, in Rehau dabei gewesen zu sein. Annemarie: "So konnten wir mal über die Stammesebene hinaus schauen, andere Leute und deren Sitten kennen lernen und die Erfahrung machen, wie eine Gemeinschaft funktionieren kann."

(Aus "Die Rheinpfalz" Ausgabe Frankenthal vom 14.08.2002)